Bauteilsorption und Luftfeuchtigkeit

Feuchteaufnahme und Feuchteabgabe verschiedener Putze
Feuchteaufnahme und -abgabe verschiedener Putze, Quelle: claytec

Einmal kurz lüften an einem kalten Wintertag senkt die relative Luftfeuchtigkeit auf unter 30% ab. So wird gerne behauptet. Stimmt aber nicht. Jeder, der schon mal sein Hygrometer während des Lüftens angeshen hat, stellt fest, dass die relative Luftfeuchtigkeit zwar kurz sinkt, aber innerhalb sehr kurzer Zeit wieder auf fast das Niveau ansteigt, das es vorher hatte. Warum das?

Normalerweise wird bei der relativen Luftfeuchtigkeit nur die Aufnahmemöglichkeit der Luft für Feuchtigkeit betrachtet. Daraus werden dann auch etwas zu kurz gegriffene Handlungsanweisungen abgeleitet wie z. B. die Regel, alle 2 Stunden lüften zu müssen.

Vgl. hierzu:  Blogbeitrag Schimmel nach Fenstertausch und den Blogbeitrag „Wie oft muss man lüften?“

Bei dieser Sichtweise wird aber vollends missachtet, dass die Luft im Feuchteaustausch mit allen Oberflächen der Wohnung steht: Wände, Böden, Decken, Möbel, Kleider, …. Je nach relativer Luftfeuchtigkeit stellt sich eine sogenannte Ausgleichsfeuchte in diesen Materialien ein. Wenn nun die relative Luftfeuchtigkeit steigt, dann nehmen alle Materialien Feuchtigkeit auf. So steigt die relative Luftfeuchtigkeit in Realität viel langsamer als man aufgrund der Zufuhr von Wasser in die Luft erwarten würde. Genauso ist es aber umgekehrt. Wenn gelüftet wird und die relative Luftfeuchtigkeit der Luft dementsprechend gering sein müsste, dann geben alle Oberflächen erstmal ihre Feuchtigkeit wieder an die Luft ab, um das Gleichgewicht wieder herzustellen. Dadurch sinkt nach dem Lüften die relative Luftfeuchtigkeit nie so stark ab, wie man aufgrund des Wassergehalts der Luft eigentlich erwarten würde.

Welches Feuchtepotenzial in den Oberflächen von z. B. Lehmputzen steckt, kann man sehr schön an der oben abgebildeten Grafik sehen. Steigt die relative Luftfeuchtigkeit von 50 % auf 80% an, so nimmt 1 qm innerhalb 1 Stunde zwischen 5 und 15 g Feuchtigkeit auf. Bei einer durchschnittlichen 90 qm Wohnung kann man von ca. 150 qm Wandfläche ausgehen. D. h. dass bereits nach 1 h zwischen 750 und 1250 g Feuchtigkeit aufgenommen wurden. Zum Vergleich: Die Wohnung hat ungefähr ein Luftvolumen von 225 m³. Die Steigerung der Luftfeuchtigkeit von 50% auf 80% entspricht dabei einer Feuchtigkeitszufuhr von ca. 1200 g. Damit ist deutlich, dass der Feuchteaustausch zwischen Oberflächen und Luft eine relevante Größe ist, wenn es darum geht, welche relative Luftfeuchtigkeit sich im Raum einstellt.

Was heißt das für das Lüften?

Kurz: man kann seltener Lüften als alle 2 Stunden, da die überschüssige Feuchtigkeit an und in den Oberflächen zwischengelagert wird. Wenn man lüftet, muss man es aber richtig machen, damit genau diese zwischengelagerte Feuchtigkeit auch wieder aus den Oberflächen heraus kann. Gerade dieser Abtransport der Feuchtigkeit aus den Oberflächen ist kein „Minuten-Vorgang“. Einmaliges kurzes Lüften allein reicht deswegen nicht aus. Idealerweise wird im Winter mehrmals hintereinander mit Abstand von ca. 30 bis 45 Minuten kurz intensiv gelüftet, um auch die Feuchtigkeit aus den Oberflächen abzulüften und diesen Speicher für die Tagesnutzung, in der dann nicht so oft gelüftet werden muss, wieder zur Verfügung zu haben.

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