zu viel Eigentum – zu wenig Geld

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Quelle: https://www.climate-lab-book.ac.uk/2018/2018-visualisation-update/

zu viel Eigentum – zu wenig Geld

Energiewende Saarland im Wohngebäudebereich- Demographie und Eigentumsverhältnisse bedürfen neuer Antworten

 

Die Ausgangslage:

Der nicht regenerative Energieverbrauch der Wohngebäude ist bis 2050 – also in 28 Jahren – auf Null zu führen, um noch eine Chance auf eine Begrenzung der Klima-Erwärmung um 1,5°C im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter zu gewährleisten.

Der aktuelle Energieverbrauch im Saarland liegt für 2- und Mehrfamilienhäuser im Jahr 2021 bei 152 kWh/m²a  (s. Studie DIW). Das Saarland ist damit absoluter Meistverbraucher in ganz Deutschland. Der Verbrauch bei Einfamilienhäusern dürfte im Schnitt noch höher sein, da diese im allgemeinen schlechter saniert sind (s. unten)

Die aktuelle Wohnfläche je Einwohner im Saarland liegt bei 55,4 qm. Im bundesdeutschen Schnitt liegt sie bei 47,7 qm. Der Saarländer lebt also deutlich überdurchschnittlich groß.

Betrachtet man den Fortschritt energetischer Sanierungen, dann wird oft hauptsächlich der Gebäude mit Baujahr vor 1978 betrachtet. Dies liegt daran, dass der unsanierte energetische Zustand dieser Gebäude mit einem Energieverbrauch von durschnitllich 200 kWh/(m²a) besonders hoch ist. Der Anteil der irgendwie energetisch sanierten Altbauten (BJ vor 1978) liegt bei ca. 35%. Dies sind keine Sanierungen im Sinne von Effizienzgebäuden, sondern beinhaltet alle Gebäude, auch wenn nur die oberste Geschossdecke saniert wurde. (vgl. hierzu verschiedene Studien des IWU, Darmstadt). Diese Studien betrachten leider nicht einzelne Bundesländer. Es zeigt sich aber, dass insbesondere Ein- und Zweifamilienhäuser in der Sanierung hinterherhinken, und das Saarland hat eine Eigenheimquote, die mit > 64% absoluter bundesdeutscher Spitzenreiter ist.

Die Demographie des Saarlandes entwickelt sich so, dass die Bevölkerung insgesamt in den nächsten Jahren deutlich kleiner wird. Bis zum Jahr 2050 wird damit gerechnet, dass lediglich 850 Tsd Menschen im Saarland leben. Das sind ca 90 Tsd Menschen weniger als im Jahr 2022. Dies wird begleitet von einer um ca 90 Tsd Menschen sinkenden Anzahl von Erwerbstätigen (s. hier). Der Anteil der Senioren über 65 Jahre steigt allerdings um 10 Tsd, in den Jahren 2030 und 2040 ist dieser Anteil sogar noch höher.

Der Verdienstabstand im Saarland betrug im Jahr 2019 -12,1% im Vergleich zum bundesdeutschen Durchschnitt und lag netto bei 21.954 € je saarländischen Einwohner im Vergleich zu 23.706 € je bundesdeutschen Einwohner. (Quelle: Arbeitskammer Saarland AK Dateninfo 2020)

Schlussfolgerungen aus der Analyse

Das Saarland besteht aus einer zunehmend überalternden Bevölkerung mit durchschnittlich geringem Einkommen. In diesem Land leben die Menschen in überwiegend zu großen, schlecht sanierten Häusern.

Die politischen Rahmenbedinungen zur Sanierung greifen im Saarland nicht

Die derzeitige Strategie zur Bewältigung der Anforderungen der CO2-Einsparung basiert auf Menschen, die Geld zur Verfügung haben und für die lediglich ein Anreiz geschaffen werden muss. Dies trifft auf das Saarland so nicht zu. Einfamilienhäuser bedingen bei der energetischen Sanierung aufgrund ihres schlechten Volumen-/Oberflächenverhältnis verhältnismäßig die höchsten Investitionen je m² Wohnfläche. Dies wird nochmals potenziert dadurch, dass die Wohnfläche je Bewohner im EFH offensichtlich deutlich größer ist als im Schnitt. In diesem Zusammenhang ist auch darauf hinzuweisen, dass die Minimierung des Energiebedarfs der letzten Jahre oft dadurch aufgefressen wurden, dass sich gleichzeitig die Wohnfläche pro Person vergrößert hat. (Beispiel: wenn man allein auf 25 m² mit einem Energieverbrauch von 100 kWh/m²a wohnt, dann ergibt das den gleichen individuellen Energieverbrauch, wenn mann mit 50m² und 50 kWh/m²a wohnt. Es ist für die Umwelt nichts gewonnen.)

Aus meiner Beratung für die Verbraucherzentrale Saarland mache ich diese Erfahrung seit inzwischen 15 Jahren. Die Menschen sind durchaus guten Willens. Angesichts der erforderlichen Höhe der notwendigen Investitionen, um aus den nicht oder wenig sanierten Gebäuden zukunftsfähige Gebäude im Sinne des Ziels „klimaneutrales Gebäude“ zu machen gibt es im wesentlichen 2 Reaktionen: „Das lohnt sich in meinem Leben nicht mehr“ (-> demographischer Wandel) oder „Das kann ich mir nicht leisten.“ (-> Einkommensstruktur und Wohnstruktur). Diesen Menschen nutzt es nichts, wenn die Förderquoten um 5% oder 10% erhöht würden. Die Distanz zwischen Amortisationszeit und individueller Lebenserwartung bzw. zwischen den verfügbaren Mitteln und den notwendigen Investitionsmaßnahmen ist zu groß.

Vor diesem Hintergrund muss die Strategie des Einsatzes finanzieller Mittel zur Erreichung der notwendigen Umbauziele m. E. völlig überdacht werden. Es müssen strukturelle Lösungen gefunden werden, da es sich um strukturelle Probleme handelt.

mögliche strukturelle Lösungsansätze

Grundlagen eines strukturellen Lösungsansatzes können folgende Überlegungen sein:

  • Eine Minimierung der durchschnittlichen Wohnfläche/Person führt automatisch zu geringeren Energieverbräuchen, sogar ohne weitere energetische Maßnahmen. Eine Strategie sollte also die Verringerung der genutzten Wohnfläche/ Person verfolgen. Dabei soll die Lebensqualität natürlich nicht eingeschränkt werden.
  • der demographische Wandel hat zur Folge, dass es zu zunehmenden Leerstand in Orten bzw. Ortsteilen kommen wird. Im Zusammenhang mit der Wohnungsstruktur des Saarlandes (Eigenheim) wird zudem die Wohnfläche je Person steigen. Zudem sind die meisten dieser Häuser nicht auf altersgerechtes Wohnen ausgelegt. Die Aufrechterhaltung der Infrastruktur (Wasser, Abwasser, Strom, Verkehr, Straßen, Internet….) für zunehmend entleerte Orte belastet zudem in erheblichen Maße die öffentlichen Haushalte. Eine aktive Siedlungspolitik ist deswegen ökonomisch und ökologisch sinnvoll. Es ist deswegen zu überlegen, welche Orte und Ortschaften mittelfristig weiter bestehen sollen. Dabei ist es wichtig, den betroffenen Menschen einer notwendigen Umsiedlung großzügige, sprich: kostenfreie, Angebote zu machen, die mit einer Reihe objektiver Vorteile für den Umzug verbunden sind. Beispiel: Eine ältere Dame in einem zu großen unsanierten Einfamilienhaus in einem Dorf, das keine Chance auf Bestand hat. Dieser Dame wäre in einem benachbarten Ort eine barrierefreie, mit Betreuungsangebot verbundene Wohnung z. B. in einem Genossenschaftsobjekt kostenfrei anzubieten. Die Genossenschaftsanteile sollten dabei mindestens dem Wert des alten Hauses entsprechen, wenn dies den Wert der neuen Wohnung übersteigt. Das hört sich jetzt teuer an, dürfte langfristig aber aufgrund der Einsparungen in der Infrastruktur deutlich günstiger werden.
  • Die Sanierung von Gebäuden in Orten, die langfristig eine demographische Zukunft haben, muss anders gefördert werden. Neben den bestehenden Fördermitteln sollte es eine Möglichkeit zu einer 100% Förderung geben. D. h., dass die Förderung zu 100% von der Gemeinschaft bezahlt wird. Im Gegenzug wird das Grundstück mit dem entsprechenden Wert belastet. Der Eigentümer behält selbstverständlich das Wohnrecht und profitiert von dem energetisch verbesserten Zustand. Bezahlt wird vom Eigentümer nur ein Zinssatz auf die Investition, der die Höhe der finanziellen Einsparungen durch den geringeren Energieverbrauch nicht überschreiten darf. Im Falle des Verkaufs oder des Vererbens ist die Grundschuld zu tilgen. Wenn die Erben das nicht können oder wollen, fällt das Haus einer Genossenschaft zu.
  • Ein Umbau der Wohnungsstruktur in Richtung genossenschaftlichen Wohnens und von Wohnungsgesellschaften getragenen Wohnens (s. Wien) befreit die Sanierung von Gebäuden aus der Betrachtungsweise der individuellen Rentabilität/Wirtschaftlichkeit. Entsprechende Wohnungsorganisationsformen sollten deswegen politisches Primat vor dem individuellen Einfamilienhaus erhalten.

Diese Ideen sind wahscheinlich radikal und mit Sicherheit noch nicht in allen Punkten ausgereift. Sie sind aber vielleicht geeignet, die bisherige Sanierungsstrategien zu überdenken. Wir müssen nämlich konstatieren, dass die bisherigen Strategien mit einer Sanierungsquote um die 1% nicht geeignet sind, die erforderlichen Umbauziele bis 2050 zu erreichen. Es müssen also dringend und zeitnah Lösungen erarbeitet werden. Ein „weiter so“ funktioniert offensichtlich nicht.

 

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